Bücherwürmer bleiben blind


Wenn Menschen Bücher lesen, kombiniert ihr Gehirn aus den bereits gemachten Erfahrungen mit der Zeit immer neue Erlebniswelten. Konkret bedeutet das, wenn sie einen Begriff lesen, aktiviert ihr Gehirn automatisch die mit den entsprechenden Erfahrungen verbundenen Gehirnregionen, sodass etwa beim Anblick einer Orange neben den visuellen Zentren gleichzeitig auch die für den Tastsinn, für Gerüche und für den Geschmack, je nachdem, welche Ereignisse in ihrer Lebensgeschichte Menschen damit verbinden, als sie eine Orange in den Händen gehalten, an ihr gerochen oder sie gegessen haben. Wer allerdings eine Orange nur aus Abbildungen oder aus einem Buch kennt, dessen Gehirn bleibt beim Lesen des Wortes Zitrone recht träge, denn es gehen alle Bedeutungen, die bei Menschen mit konkreten Orangen-Erfahrungen mit einer Zitrone mitschwingen, verloren. Die assoziativen Fähigkeiten des Gehirns sind dafür verantwortlich, dass es bereits gemachte Erfahrungen kreativ miteinander verknüpft, wobei Menschen nicht alles, was sie lesen, selbst erlebt haben müssen, doch müssen sie genug erlebt haben, damit ihr Gehirn aus dem Fundus der Erfahrungen eine eigene Welt aufbauen kann. Ein Bücherwurm, der Zeit seines Lebens in seiner Bibliothek vergraben ist, kann daher nur wenige Erfahrungen beim Lesen neu miteinander verknüpfen.


Übrigens: Bücherwürmer sind eigentlich Käfer bzw. die Larven verschiedener Käferarten, deren Lebensraum ursprünglich trockenes Totholz ist und die im Wohnumfeld des Menschen aber auch Möbel, Bücher oder trockene Nahrungsmittel wie Brot befallen. Ein typischer Vertreter ist dabei der Brotkäfer, der etwa drei Millimeter lang wird. Der Chitin-Panzer ist am ganzen Körper rotbraun gefärbt, der Körper selbst ist oval und die Flügeldecken besitzen eine doppelte Behaarung. Die Larven der Brotkäfer werden etwa fünf Millimeter lang, sie sind weiß mit einer starken Behaarung und braunem Kopf. Die Larven führen eine ähnliche Lebensweise wie die Käfer.




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© Werner Stangl Linz 2019