Bücherwürmer bleiben blind

Mai 24, 2019 – 2:21 pm

Wenn Menschen Bücher lesen, kombiniert ihr Gehirn aus den bereits gemachten Erfahrungen mit der Zeit immer neue Erlebniswelten. Konkret bedeutet das, wenn sie einen Begriff lesen, aktiviert ihr Gehirn automatisch die mit den entsprechenden Erfahrungen verbundenen Gehirnregionen, sodass etwa beim Anblick einer Orange neben den visuellen Zentren gleichzeitig auch die für den Tastsinn, für Gerüche und für den Geschmack, je nachdem, welche Ereignisse in ihrer Lebensgeschichte Menschen damit verbinden, als sie eine Orange in den Händen gehalten, an ihr gerochen oder sie gegessen haben. Wer allerdings eine Orange nur aus Abbildungen oder aus einem Buch kennt, dessen Gehirn bleibt beim Lesen des Wortes Zitrone recht träge, denn es gehen alle Bedeutungen, die bei Menschen mit konkreten Orangen-Erfahrungen mit einer Zitrone mitschwingen, verloren. Die assoziativen Fähigkeiten des Gehirns sind dafür verantwortlich, dass es bereits gemachte Erfahrungen kreativ miteinander verknüpft, wobei Menschen nicht alles, was sie lesen, selbst erlebt haben müssen, doch müssen sie genug erlebt haben, damit ihr Gehirn aus dem Fundus der Erfahrungen eine eigene Welt aufbauen kann. Ein Bücherwurm, der Zeit seines Lebens in seiner Bibliothek vergraben ist, kann daher nur wenige Erfahrungen beim Lesen neu miteinander verknüpfen.



Sechs Erkenntnisse zum Lernen

Mai 18, 2019 – 12:44 pm

Katrin Hille, die Forschungsleiterin des Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen am Universitätsklinikum Ulm möchte mit Hilfe der Lehrer in den Schulen ,,Leuchttürme” errichten, die auf die ganze Bildungslandschaft ausstrahlen. Ihrer Meinung nach gelangten Forschungs-Erkenntnisse der Pädagogik, der Didaktik oder der Hirnforschung viel zu selten und zu spät in die Praxis, weshalb sie sechs Knackpunkte entwickelt hat, die nach ihren Erkenntnissen das Lernen bestimmen:

Lernen ist ein aktiver Prozess, denn wer nur zuhört, lernt nicht viel. Menschen lernen am besten durch Tun. Außerdem lernen wir unbewusst, was manchem Lehrer nicht klar sei; wenn er die Liebe predige, lernten Kinder vielleicht zu predigen, aber nicht zu lieben. Gefühle können den Lernprozess stören, zum Beispiel Angst – sie können ihn aber auch befördern; immer dann lernten wir besonders intensiv. Alle drei Probleme haben mit der Lernintensität zu tun. Die Verarbeitungstiefe hat es noch nicht in die Schule geschafft, denn es ist in der Forschung seit über vierzig Jahren bekannt, dass man dadurch mehr in der gleichen Zeit lernt. Je intensiver wir uns mit etwas beschäftigten, umso tiefer lernen wir – wer beim Lernen nachdenke, weiß am meisten. Dafür ist die Motivation wichtig: Unser Gehirn berechnet im Voraus, was passiert. Trifft es nicht ein, lernen wir entweder nichts oder unerwartet viel. Deshalb muss guter Unterricht immer positive Überraschungen bieten. Außerdem sind Vorbilder für die Lernmotivation viel wichtiger als Zuckerbrot und Peitsche. Es ist furchtbar schwierig, länger als eine Stunde an einem Ort aufmerksam zu sein, denn Lernen ist räumlich und zeitlich begrenzt. Diese Erkenntnisse könnten die Schulen entscheidend verbessern, denn vor allem wünschten sich Kinder, dass sie eingebunden werden, sich kompetent fühlen und in einer vorgegebenen Struktur autonom handeln dürfen.

Quelle: http://www.echo-online.de/suedhessen/darmstadt/-Die-Grundfesten-des-Bildungssystems-sind-falsch;art1231,759626,C (10-03-24)



Ordnungsschwelle und Lernen

Mai 17, 2019 – 2:16 pm

Das menschliche Gehirn kann nur eine begrenzte Zahl von Informationen verarbeiten, denn laufen zu viele gleichzeitig oder kurz nacheinander ein, werden Menschen rasch ärgerlich, frustriert und manchmal auch aggressiv. Die Ursache von achtzig Prozent aller Lernstörungen hängen mit der Ordnungsschwelle zusammen, dem Mindestabstand, in dem zwei Reize aufeinander folgen müssen, um getrennt bzw. nacheinanader wahrgenommen zu werden. Unterhalb dieser Ordnungsschwelle kann man zwei Reize auch nicht zeitlich ordnen, also nicht sagen, welcher der erste und welcher der zweite Reiz war. Diese Schwelle ist übrigens für alle Sinnesbereiche ziemlich gleich und liegt bei 30 bis 40 Millisekunden, wobei sich Menschen darin unterscheiden können.

Kinder mit hoher Ordnungsschwelle können sich daher noch so sehr anstrengen, der Lehrerin oder dem Lehrer zu folgen, wenn zwei Reize zu rasch aufeinander folgen, entstehen Lücken in der Rezeption, denn das Kind hat zwar die eine Information gehört, etwa dass es ein Heft aus der Schultasche nehmen soll, aber nicht mitverstanden, welches Heft das nun sein soll, denn diese Information lag zu dicht an der Information.

Siehe dazu Gehirn und Zeit



© Werner Stangl Linz 2019