Die Tiefe der Verarbeitung von Lerninhalten



Beim Lernen gibt es unterschiedliche Tiefen der Verarbeitung von Lerninhalten, wobei je nach Art der geforderten Aufgabe bzw. gewählten Anwendung eine oberflächliche oder eine tiefe Informationsverarbeitung oder eine Verarbeitung notwendig sein wird. Je tiefer eine Information also verarbeitet wird, umso leichter wird sie gelernt und umso länger wird sie auch behalten. In Experimenten wurde deutlich nachgewiesen, dass nicht die Dauer des Memorierens, sondern die Tiefe der Verarbeitung einer Information letztlich für die spätere Gedächtnisleistung ausschlaggebend ist. Wenn auch noch die subjektive Bedeutungshaltigkeit des Materials auf das Memorieren Einfluss nimmt, kommt es zu einer noch besseren Gedächtnisleistung. Zusätzlich können dadurch die für das Lernen erforderlichen Wiederholungen  verkürzt werden, wenn der Lernende sinnvolle gedankliche Beziehungen zwischen und mit den aufgenommenen Informationen herstellt, was eine Einordnung der Informationen in das bestehende Wissen erleichtert, denn es werden dabei mehr kognitive Operationen durchgeführt.

Je größer die Verarbeitungstiefe, desto mehr gelangt sie in die zentralen Schaltstellen des menschlichen Gehirns. So findet eine rein grammatikalische Verarbeitung eines Lernstoffs beim bloßen Lesen eines Textes statt, denn dabei wird lediglich die sprachliche Oberflächenstruktur der Sätze verarbeitet. Wird hingegen beim Lesen eines Textes eine semantische Analyse, also die Repräsentation der Satzbedeutung, oder eine Organisation eines Textes, also die Repräsentation der Textstruktur,  verlangt, erfordert dies eine inhaltliche und tiefere Verarbeitung der Information. Dadurch wird eine intensivere Gedächtnisspur erreicht, wobei es stets entscheidend ist, aktiv mit dem Lernmaterial umzugehen, denn nur das führt zu einem nachhaltigen und somit hohen Lerneffekt.

Beispiele für oberflächliche Verarbeitung:

  • Durchlesen
  • Wiederholen
  • Anschauen
  • Unterstreichen und Markieren

Beispiele für eine tiefe Verarbeitung:

  • Anwendungen finden
  • Fragen zum Text entwerfen
  • Rollenspiel einer mündlichen Prüfung
  • Ist der Lernstoff in der Alltagserfahrung vorhanden?
  • Modell für einen Vorgang entwerfen, etwa eine Skizze erstellen
  • Analogien finden
  • Buchbesprechungen oder Pressenotiz schreiben
  • Zwei bis drei Fachlehrbücher miteinander vergleichen
  • Überlegen, welche Textinformationen ein Praktiker sofort können sollte
  • In Gruppen die Texte bewerten
  • Feststellen und vergleichen, was man vorher zu dem Thema gedacht oder gewusst hat
  • Jemandem von dem Gelernten berichten
  • Zusammenfassen und Exzerpieren
  • Bilden von Assoziationen
  • Überflüssige Sätze streichen
  • Überschriften für Absätze oder Graphiken finden
  • Gegenargumente finden
  • Beantworten von Fragen nach dem Lesen des Textes

Eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Lerninhalten spielt auch die subjektive Bedeutsamkeit des Lernmaterials, wobei eine Erhöhung den Lerneffekt steigert:

  • Herausschreiben, was einen Freund interessieren könnte
  • Überlegen, in welcher Beziehung die Aussagen zum eigenen Leben stehen
  • Überlegen, welche Fragen man einer Kollegin oder einem Kollegen stellen könnte, die sie/er nicht beantworten könnte
  • Überlegen, wie man für die eigene Lebensführung profitieren könnte
  • Einen kurzen Vortrag vorbereiten, etwa Stichworte aus dem Text rausschreiben und diesen Vortrag dann halten
  • Persönliche Gegenargumente suchen

Übrigens: Die Bedeutung der Verarbeitungstiefe hat es noch nicht bis in die Schulen geschafft, obwohl es in der Forschung seit über vierzig Jahren bekannt ist, dass man dadurch mehr in der gleichen Zeit lernt.







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© Werner Stangl Linz 2017