Ein Wort zu Gedächtnisgurus



Dass Gedächtnisgurus nur alten Wein aus neuen Schläuchen präsentieren, kann man einem kleinen Pressebericht entnehmen, den ich hier anonymisiert wiedergebe, denn schließlich handelt es sich um einen in der Szene sehr bekannten und erfolgreichen Mann – übrigens gibt es hier praktisch keine Frauen, die landauf landab mnemotechnische Tricks „verkaufen“, denn diese findet man eher in den „Niederungen des Lernens“, wenn es darum geht, praktische Fertigkeiten für die Bewältigung von Lernproblemen zu entwickeln:

Der Lehrmeister beginnt mit einer ersten Übung: Die Gymnasiasten sollen sich innerhalb von fünf Minuten die Namen aller Präsidenten der Vereinigten Staaten von 1953 bis 2009 – von Eisenhower bis Bush einprägen. Zu diesem Zweck greift der *** auf eine jahrhundertealte Kunst, die so genannte „Mnemo-Technik“ zurück, die bereits die alten Griechen beherrschten. Neben kleinen Merkhilfen wie Eselsbrücken, Reime oder Grafiken gehören auch komplexe Systeme zu dieser Lernstrategie, mit deren Hilfe man sich an ganze Bücher, lange Listen mit unzähligen Wörtern oder tausendstellige Zahlen sicher erinnern kann. (…) *** erzählt eine kleine Geschichte, die den Lernprozess beschleunigen soll: „Seht ihr den knorrigen alten Busch da draußen? „Das ist George Bush senior.“ „Und hört ihr diesen hohlen Klang?“, fragt er das Publikum, als er auf die Holzbühne klopft. „Das ist George Bush junior.“ Lautes Gelächter im Saal. „Das funktioniert tatsächlich“, stellt die 13 Jahre alte Schülerin *** begeistert fest. Am Ende kann sie sich die Namen aller zehn Präsidenten mühelos merken. So wie auch die meisten anderen Jungen und Mädchen in der Aula. Der 21-jährige Lehramtsstudent *** ist ebenfalls angetan von der Effizienz von ***s Methode. „Die werde ich in Zukunft beim Lernen anwenden“, sagt der Brandenburger. „Fehler machen ist erlaubt“, ermutigt *** diejenigen, die sich auf Anhieb nicht alles einprägen konnten. „Niemand ist perfekt.“ Mindestens fünf Wiederholungen seien nötig, bis das Gelernte fest im Gedächtnis verankert sei. Er selbst sei im Alter von 16 Jahren von der Schule geflogen, weil er nicht richtig habe lernen können. Der *** fährt fort mit seinem Programm und präsentiert einen Kniff, mit dessen Hilfe man sich lange Zahlenreihen spielend merken kann. „Am besten ist es, Zahlenpaare in Bilder umzuwandeln“, rät der Experte. Statt der 10 eine Bibel – wegen der Gebote. Und statt der 20 einen Fernseher – weil meist um 20 Uhr ferngesehen wird. Erstaunte Blicke im Saal. „Seht ihr“, sagt ***, „es ist ganz einfach, die grauen Zellen in Schwung zu bringen.“

Dabei zählt es zu den gesicherten Erkenntnissen der Psychologie, dass diese von Gedächtnisgurus vermittelten Mnemotechniken für das praktische Lernen auf Grund der fehlenden Generalisierbarkeit – Transfer – auf andere Lerninhalte nur eine äußerst geringe Relevanz besitzt, wobei hinzu kommt, dass Mnemotechniken nur dann angebracht sind, wenn es um eher serielle und relativ wenig strukturierbare Lerninhalte geht. Im Übrigen leben solche Gedächtnisgurus von der Verblüffung, die sie bei ihren ZuschauerInnen auslösen, bzw. vom guten Marketing, das sie betreiben.

Die Journalistin, Bloggerin und Lebensgenießerin Jaelle Katz beschrieb in ihrer Glosse „Fragen Sie Frau Jaellekatz“ sehr trefflich ihre persönlichen Erfahrungen bei der Teilnahme an einem Vortrag eines Gedächtnistrainers – hier einige Auszüge, die die oben genannten Ausführungen unterstreichen:

„Danach zeigte der Gedächtnistrainer, wie sich Zahlen einfach durch 5 teilen lassen: Man verdoppelt sie einfach und teilt durch 10. Auch das Teilen von Zahlen durch 9 und das Multiplizieren mit der 11 erklärte er mit jeweils einem anderen Trick. Hmm. Ganz nett, ja. Aber wann brauche ich das? Eher sehr selten.
Ebenso erklärte der Gedächtnistrainer, wie man sich mit Hilfe von Bildern schnell ganz viele Vokabeln merken könne: Der Adler frisst einen Igel: heißt also: Adler = Eagle. Damit hätte sich ein Schüler zwar nicht die korrekte Schreibweise der Vokabel gemerkt, aber ich will nicht zu pingelig sein.
Nur: Ich habe prinzipiell einmal gelernt, was eine Division ist, und wie ich Zahlen dividieren kann, egal welche Zahlen das sind. Das würde ich mit diesen Tricks wahrscheinlich nicht lernen. Auch bei Vokabeln stelle ich mir das Lernen an sich mit einem solchen Trick noch ganz einfach vor. Will ich diese aber in einem Gespräch oder in einem Text verwenden, dann sind diese assoziativen Bilder eher hinderlich. Hier gilt es, diese nicht nur auswendig zu lernen, sondern situativ anzuwenden. Auch wenn die Gedächtnisweltmeister auf diese Weise trainieren, ich möchte das lieber nicht. Ich will schließlich kein Gedächtnisweltmeister werden. Was habe ich davon, wenn ich Zahlenreihen oder das Telefonbuch auswendig kann? Mit einem solchen Training übe ich nur diese eine Fähigkeit: Mir irgendwelche Zahlen, Vokabeln, Listen, was auch immer, zu merken.“

Kurioses: Gedächtnistrainer ohne Gedächtnis 😉

Ulrich Breulmann berichtet unter dem Titel „Gedächtnistrainer ohne Gedächtnis“  von einem Gedächtnistrainer Oliver G., der sich alle paar Wochen ins Gedächtnis ruft, indem er mit schöner Regelmäßigkeit der Redaktion der Ruhr Nachrichten eine Mail schickt. Dieser bezeichnet sich darin  als der „laut ZDF Deutschlands Gedächtnistrainer Nr.1“. Breulmann dazu: „Er sei in den nächsten Tagen, so heißt es in diesen Mails stets gleich, rein zufällig beruflich in Dortmund. Und dann bietet er völlig uneigennützig ein Exklusiv-Interview, einen Hintergrundbericht und eine Verlosung von Büchern und CDs – natürlich alles von und mit Oliver G. – an. Total uneigennützig das Ganze – und wenn wir als Redaktion keine Zeit hätten, könnten wir ja gerne einen von ihm selbst geschriebenen Artikel einfach so abdrucken. Kostenlos, versteht sich.“
Breulman schreibt dann zu Recht: „Wenn jemand alle paar Wochen die gleiche Mail verschickt, kann das zweierlei bedeuten: Entweder unterstellt er seinem Adressaten einen Gedächtnisverlust oder er leidet selbst unter einem solchen.

Quellen
https://www.freitag.de/autoren/jaelle-katz/das-eigene-gedaechtnis-trainieren (15-02-24)
Breulmann, U. (2015). “Trainer Nr. 1″: Gedächtnistrainer ohne Gedächtnis. Ruhr Nachrichten  vom 17. April 2015.







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