Bücherwürmer bleiben blind



Wenn Menschen Bücher lesen, kombiniert ihr Gehirn aus den bereits gemachten Erfahrungen mit der Zeit immer neue Erlebniswelten. Konkret bedeutet das, wenn sie einen Begriff lesen, aktiviert ihr Gehirn automatisch die mit den entsprechenden Erfahrungen verbundenen Gehirnregionen, sodass etwa beim Anblick einer Orange neben den visuellen Zentren gleichzeitig auch die für den Tastsinn, für Gerüche und für den Geschmack, je nachdem, welche Ereignisse in ihrer Lebensgeschichte Menschen damit verbinden, als sie eine Orange in den Händen gehalten, an ihr gerochen oder sie gegessen haben. Wer allerdings eine Orange nur aus Abbildungen oder aus einem Buch kennt, dessen Gehirn bleibt beim Lesen des Wortes Zitrone recht träge, denn es gehen alle Bedeutungen, die bei Menschen mit konkreten Orangen-Erfahrungen mit einer Zitrone mitschwingen, verloren. Die assoziativen Fähigkeiten des Gehirns sind dafür verantwortlich, dass es bereits gemachte Erfahrungen kreativ miteinander verknüpft, wobei Menschen nicht alles, was sie lesen, selbst erlebt haben müssen, doch müssen sie genug erlebt haben, damit ihr Gehirn aus dem Fundus der Erfahrungen eine eigene Welt aufbauen kann. Ein Bücherwurm, der Zeit seines Lebens in seiner Bibliothek vergraben ist, kann daher nur wenige Erfahrungen beim Lesen neu miteinander verknüpfen.

Quelle:
http://www.swp.de/ulm/lokales/ulm_neu_ulm/studentenulm;art4329,733404 (10-11-23)








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© Werner Stangl Linz 2017