Jonglieren verändert das Gehirn



In einigen Studien konnte gezeigt werden, dass das Jonglieren eine enorme Herausforderung für die visuelle Wahrnehmung, das räumliches Vorstellungsvermögen sowie für die Reaktions- und Koordinationsfähigkeit sowohl bei jungen als auch älteren Menschen darstellt. Nach drei Monaten Training waren zwei Hirnareale der Jongleure deutlich vergrößert: die Bereichen für das räumliche Wahrnehmen (visueller Assoziationskortex), eine Region, die für das Lernen wichtig ist (Hippocampus), und einen Bereich, der zum hirneigenen Belohnungssystem gehört (Nucleus accumbens).

Sehr häufig wird Jonglieren den Menschen empfohlen, um ihr Gedächtnis und auch die körperliche Geschicklichkeit zu fördern. Jonglieren ist ganz allgemein eine Bewegungskunst, bei der man mit fast allen Sinnen arbeitet, denn beim Jonglieren muss das Gehirn Denken, Handeln und Fühlen gleichzeitig verarbeiten. In den letzten Jahrzehnten begann man sich systematisch mit den gesundheitsfördernden und heilenden Auswirkungen des Jonglierens zu befassen, wobei man unter andrem festgestellt hart, dass regelmäßiges Jonglieren das Neuronenwachstum sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen und Senioren fördert. Jonglieren hat unter vergleichbaren Übungen den Vorteil, dass selbst dann, wenn man alle Prinzipien wie Schwer- und Fliehkraft, Rhythmus, Handkoordination, peripheres Sehen, entspannte Aufrichtung kennt, dennoch nicht ausüben kann. Um zu verstehen, was Jonglieren ist, muss man es tun, denn das Jonglieren muss in einen persönlichen Bezug gebracht werden, wozu Ausprobieren, Fehler zulassen und Fehler machen, aus Misserfolgen lernen, Durchhaltevermögen, sich immer wieder bücken gehören. Nur durch regelmäßiges Versuchen bilden sich ganz allmählich dann neue Verbindungen und Verknüpfungen zwischen zahlreichen Gehirnarealen. Die Bewegungen werden durch fortwährendes Üben immer weniger hektisch, lockerer, und je effektiver geworfen und gefangen wird, desto mehr können Muskeln und Gelenke sich dabei entspannen. Es dauert unterschiedlich lange, bis dann die Bälle wie von selbst zu fliegen scheinen, wobei dann das Gehirn die Jonglage nicht mehr steuert, sondern der ganze Körper ist daran beteiligt zu verstehen, was Jonglieren ist.

Beim Jonglieren werden Herz-, Atem- und Immunreaktionen beruhigt und die Aktivierung Vagus- und Sympathikusreaktionen. Körperlich sorgt Jonglieren für die Aufrichtung des Schultergürtels und der Wirbelsäule, aber auch die Hände, die Arme und der Schultergürtel bewegen sich mit der Übung immer leichter, freier und müheloser. Wenn die Füße das ganze Körpergewicht aufnehmen, die Wirbelsäule sich spannungsfrei aufrichtet und die Knie zu den Zehen ausgerichtet über den Fußmittelpunkten stehen, können die Hüftgelenke frei drehen., wobei die Körpermitte das Zentrum der Beweglichkeit des ganzen Körpers bildet. Jonglieren schult auch die Raumwahrnehmung, wobei allmählich das Wissen um die Position der geworfenen Bälle, Tücher oder Keulen hinzukommt, denn der Fokus des Sehens huscht nur bei Anfängern hinter den Bällen her. Später ruht er immer öfter und schließlich wie von selbst an einem Punkt in der Ferne und das Gehirn verleiht den Randzonen des Blickfeldes (peripheres Sehen) mehr Gewicht, sodass damit eine neue Qualität der Wahrnehmung entsteht: unscharfes peripheres Sehen, das mit der Fühlinformation des Körpers und der Händen klare dynamische Bilder entstehen lässt.

Eine solche Studie stammt von Johansen-Berg (Universität Oxford), bei der sie mit Hilfe eines Kernspintomografen die Gehirnsubstanz von 48 jungen Erwachsenen untersuchte, die noch nicht Jonglieren konnten. Eine Hälfte unterzog sich darauf einem sechswöchigen Training und übte 30 Minuten am Tag. Bei der Untersuchung danach stellte man bei den Jonglierern eindeutige Veränderungen in der weißen Gehirnsubstanz fest. Solche Versuche zeigen, dass das Gehirn auch bei Erwachsenen „formbar“ und anpassungsfähig, allerdings muss es nicht Jonglieren sein, denn jede Art, das Gehirn zum Arbeiten zu bringen, wie die Beschäftigungen wie Kreuzworträtsel lösen, aber auch Spazieren gehen fördern den Aufbau neuer Gehirnstrukturen.

Ohne weiteres Training verkleinerten sich diese Bereiche allerdings in nur drei Monaten wieder. Siehe dazu im Detail Gehirn und Lernen.

Bildquelle: http://schulen.eduhi.at/hsalkoven/2009_10/Jonglieren%20Feb_2010/jonglieren%20hs%20alkoven.htm (12-11-27)








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  1. 3 Responses auf “Jonglieren verändert das Gehirn”

  2. Als jemand der sich seit Jahren beruflich dem Jonglieren widmet, finde ich es natürlich eine schöne Vorstellung, dass mein Gehirn ständig wächst…logischerweise dürfte es aber in anderen Arealen, die nicht einem ständigen Training, einer ständigen Beanspruchung unterliegen, gleichzeitig schrumpfen oder zumindest vom Wachstum her stagnieren.

    Es erinnert mich an das kleinkindliche Lernverhalten: wie andere Eltern garantiert auch gemerkt haben, geht es besonders bei ganz kleinen Kindern, also noch vor dem Kindergartenbesuch, beim Aneignen der „Basics“ mal motorisch/geschicklich voran, mal wieder sprachlich, anderntags mal mathematisch, dann hingegen mal sozial usw. Ein BWL-ler würde vllt von Opportunitätskosten sprechen. Ein Kind, das gerade auf einem Bein zu balancieren lernt, der lernt eben nicht unbedingt auch gerade zählen (obwohl auch Studien belegen, dass regelmäßige Bewegung auch bessere Konzentration und bessere kognitive Fähigkeiten hervorruft.), das Gehirn hat beim Lernen anscheinend am liebsten eine „Hauptbaustelle“.
    Wer intensiv jongliert wird nicht unbedingt gleichzeitig ein Trompetenviruose, obwohl manche Fertigkeiten natürlich andere weitere begünstigen, bspw. ein zweites Musikinstrument lernen oder eine zweite Fremdsprache lernen. Interessant wäre, immer bei jeder Tätigkeit zu wissen, welche verschiedenen „Transfer-Nutzen“ im Gehirn entstehen. Besonders faszinierend ist, dass man das Gehirn auch zum Ausbilden neuer Strukturen „animieren“ kann, indem man gewisse Dinge lediglich denkt!! Ich habe von einer Studie gehört, bei der die eine Hälfte der Teilnehmer über einen gewissen Zeitraum einfache Sequenzen auf dem Klavier spielen sollte, die andere Hälfte sollte sich lediglich vorstellen, diese Sequenzen zu spielen. Angeblich waren die Veränderungen im Gehirn in beiden Gruppen etwa gleich. Klingt erst verblüffend, aber dann auch recht plausibel.
    Mich interessiert auch noch, ob artverwandte Fähigkeiten wie Balancieren (sich selber, z. B. auf dem Schlappseil, aber auch Requisiten auf bspw. Hand, Nase, Kinn oder Stirn), Objekte spinnen (z. B. Balldrehen auf Finger) oder Einradfahren in denselben Gehirnregionen wie Jonglieren zu Vergrößerungen führen? Und: wie sieht es bei der Kombination mehrerer Skills aus, also etwa beim gleichzeitigen Einradfahren und Jonglieren? Fragen über Fragen…bin gespannt auf interessante Hinweise!

    By Joram Seewi on Mrz 21, 2010

  3. Die Vermutung ist richtig, dass mit der Förderung einer Fähigkeit nicht gleichzeitig auch noch andere Fähigkeiten mitgefördert werden – es handelt sich dabei um das Problem des Trensfers: http://arbeitsblaetter.stangl-taller.at/LERNEN/Lerntransfer.shtml
    Je ähnlicher die Tätigkeiten in Bezug auf den betroffenen Gehirnbereich sind, desto eher kann man einen Transfer annehmen.
    Allerdings sind Menschen, die etwas ganz intensiv betreiben, nicht unbedingt in anderen Fähigkeiten deshalb weniger kompetent – eher im Gegenteil. Zwischen den einzelnen Subtests in Intelligenzmessverfahren bestehen recht hohe positive Korrelationen.

    By admin on Mrz 21, 2010

  4. Das hab ich auch schon mal gehört. Auch Bälle hoch werfen und balancieren, schafft täglich viele neue Synapsen. Andere Bewegungsabläufe lernen macht Sinn!

    By Frank on Feb 10, 2011

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